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- 23.06.2010
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Angeln: Vom Glück der Ereignislosigkeit
Mein Hemd klebt am Körper, und der Handrücken brennt. Zwei kleine fleischige Hügel zeichnen sich zwischen Daumen und Zeigefinger ab, die ich mit etwas Speichel beruhige. Aber auch das bringt nichts: Es pocht unaufhörlich. Mein Blick geht in Richtung Oberschenkel, wo eine Mücke ihren Rüssel in Stellung bringt. Nur meine Pose liegt noch immer so still und unschuldig auf der Wasseroberfläche wie vor einer halben Stunde. Dabei riecht es hier förmlich nach Fisch.
Wer angelt, braucht Geduld – und manchmal auch das sprichwörtliche dicke Fell. Hier am Ruppiner Kanal, der nördlich von Berlin zwischen Kremmen und Sommerfeld verläuft, scheint es heute ein ganzer Mückenschwarm auf mich abgesehen zu haben. Aber das vergesse ich beim Gedanken an eine Schleie oder einen Karpfen sofort wieder.
Als ich das erste Mal angeln ging, war ich sechs Jahre alt. Mein Vater und ich wollten Flussbarsche fangen, die unter einem Segelboot standen. Das war 1980 vor unserem Wochenendhaus in Mecklenburg, einer typischen Datsche der 80er Jahre. Seitdem hat mich das Angeln nicht mehr losgelassen. Auch als ich später nach Berlin zog und an den Wochenenden ins Umland fuhr.
Die wohl schönsten Verse über die märkischen Fluss- und Seenlandschaften hat der 1981 verstorbene Dichter Peter Huchel in einem Gedicht hinterlassen, das „Havelnacht“ heißt: „Hinter den ergrauten Schleusen / nur vom Sprung der Fische laut / schwimmen Sterne in den Reusen / lebt der Algen Dämmerkraut.
An so manchem Morgen habe ich mit ähnlichen Augen auf das Wasser und die Seerosenfelder geschaut. Unser See kam mir märchenhaft und geheimnisvoll vor. Was das Angeln war und warum es mich verrückt machte – das wusste ich nicht. Ich weiß es bis heute nicht.
Es ist kurz nach zehn, und mein Magen- knurren reißt mich aus meinen Gedanken. Zeit für das zweite Frühstück. Ich öffne die Bügel meiner Rollen und lasse die beiden Ruten am Ufer zurück. Ein passabler Fisch wird sich angesichts der Hitze heute ohnehin nicht mehr an meinen Haken verirren. Kerzengerade steht die rote Stachelschweinpose auf dem Wasser, dass einen die Wut packen könnte.
Ich habe immer mit solchen Stachelschweinposen geangelt. Weil es vor der Wende keine bei uns zu kaufen gab, hat mir meine Großmutter welche aus West-Berlin mitgebracht. Heute heißt mein Händler „Angeljoe“. Sein Laden befindet sich in Lichtenberg. Einer der Verkäufer erzählte mir, dass man die Stachelschweinposen neuerdings nicht mehr so nennen dürfe. „Die heißen jetzt Naturposen“, hat er gesagt und vielsagend gegrinst. Er verstand die Welt nicht mehr. Ich auch nicht. Läden mit Namen wie „Fischerman's Friend“, „Dani's Angelkiste“, „Matze's Anglertreff“ oder eben „Angeljoe“ sind ein Teil des Mysteriums Angeln. Hier kann man stundenlang stöbern und ausprobieren, Dutzende von Ruten in den Händen halten und sich in die neuesten Mepps-Spinner mit Reflexionsfolie verlieben. So unterschiedlich die Fraktionen der Hightech-Karpfenangler mit Tarnzelten, elektronischen Bissanzeigern und Boilies mit Kirschgeschmack auf der einen Seite und Minimalisten auf der anderen Seite auch sein mögen: Ich kenne keinen Angler, der nicht auch ein Faible fürs Material hätte. Und für die richtigen Köder.
Wenn ich früher angeln ging, musste ich abends zunächst zum Würmer sammeln. Wollten mein Vater und ich Fleischmaden haben, fuhren wir zum Knochenberg in Rostock-Bramow. Ausgerüstet mit einem Klappspaten und einem Grillhandschuh machten wir uns über die Gebeine aus dem Schlachthof her. Heute kann ich meine Maden bequem bei „Angeljoe“ kaufen. Im legendären „Angelhaus Koss“ im Wedding kann man sie sich außerhalb der Öffnungszeiten sogar für einen Euro an der Außenwand ziehen. An einem Automaten, einem Madomaten! Abgesehen von einer kleinen aber feinen Szene von Fliegenfischern, die sich beim Berliner Fario e. V. tummelt und die in Brandenburg am Rhin, an der Dosse oder Havel auf Döbel, Rapfen oder Forellen fischt, angelt man hierzulande konventionell auf Raubfische wie Hechte, Zander und Barsche oder Friedfische wie Karpfen und Brachsen. Gebirgsbäche wie in Bayern gibt es hier nicht, klare Stauseen auch nicht. Na und? Dafür lockt das Land mit einer großen Auswahl an natürlichen Seen, Flussarmen und Kanälen. Insgesamt 3.000 Seen stehen Anglern in Brandenburg zur Verfügung, wovon sich viele in Nordbrandenburg an der Landesgrenze zu Mecklenburg befinden. Dazu kommen viele Kilometer Fließgewässer, die ich besonders mag. Gerade den Oder-Havel-Kanal oder das Gebiet von Dahme und Spree. Alles in allem summieren sich die Gewässer zu knapp einem Achtel der deutschen Wasserfläche. Brandenburg gehört damit zu den drei gewässerreichsten Bundesländern – ein Eldorado für Angler.
Ein Tipp: Einfach mal das Auto stehen lassen und ein Stück zu Fuß durch den Wald oder durchs Schilf gehen. In kleinen, wenig befischten Waldseen, die man auf Karten ausfindig machen kann (oder mit Google Earth), warten oftmals gute Fische. Denn der Laich wird durch Wasservögel von anderen Gewässern hierher transportiert; aufgrund ihrer Größe oder schlechten Erreichbarkeit lohnen sich die Seen nicht für professionelle Fischer. Hier schlägt die Stunde des Anglers!
Wichtig: Neben Maden, Würmern oder Kunstködern braucht man noch eine Angelberechtigung. Diese bekommt man in Brandenburg leichter als in allen anderen Bundesländern (mit Ausnahme von Mecklenburg). Auch aus diesem Grund ist Brandenburg ein hervorragendes Angelrevier. Normalerweise müssen Angler nämlich eine Prüfung ablegen, bevor sie einen Fischereischein bekommen. Um Gäste anzulocken, hat der Brandenburger Landtag vor einigen Jahren aber beschlossen, dass man fürs Friedfischangeln keinen Fischereischein mehr benötigt, also auch keine Prüfung. Lediglich eine Fischereiabgabe ist zu entrichten. Und die kostet nicht die Welt.
Für diejenigen, die häufiger angeln gehen, lohnt sich die Mitgliedschaft in einem Verein. Dafür bieten sich die beiden Landesanglerverbände des Deutschen Anglerverbands (DAV) an. Für einen Jahresbeitrag von weniger als 100 Euro – also der Monatsabgabe für ein Mittelklasse-Fitnessstudio – kann man dann das ganze Jahr über in vielen Gewässern Berlins und Brandenburgs fischen. Und das bedeutet immer auch: draußen sein und die Natur genießen, während andere auf dem Laufband stehen. Man muss dies nicht zwangsläufig beim DAV tun, sondern kann auch dem VDSF beitreten, dem Verband Deutscher Sportfischer.
Mit zwölf oder 13, als ich mir die ersten Depeche Mode- und Kreator-Kassetten überspielte, war ich DAV-Mitglied. Nach fast zwei Jahrzehnten der Vereinsabstinenz bin ich im letzten Sommer wieder eingetreten. Meine Aufnahme verlief denkbar unspektakulär, und doch ist sie mir gut in Erinnerung geblieben. In einer Kellerwohnung im Friedrichshain, in der die Aschenbecher überquollen und die Schränke mit Pokalen und Urkunden vollgestopft waren, begrüßten mich zwei Vertreter der Ortsgruppe und drückten mir den Ausweis in die Hand. Es war, als schlösse sich ein kleiner Kreis.
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Vier Stunden habe ich nun auf dem Buckel, aber bis auf ein paar Plötzen hat sich nichts gerührt. Vielleicht lag es am Futter, vielleicht an der Sonne. Doch auch das hat mich immer am Angeln fasziniert: Dass man sein Gegenüber anders als bei der Jagd nicht sehen kann und deshalb bis zum Schluss glaubt, der ultimative Fisch sei ganz in der Nähe. Man muss abwarten können, lange abwarten, auch wenn es in einem brodelt. Petri dank helfen einem solche Weisheiten manchmal. Und dann bewegt sich meine Pose plötzlich, um mit einem einzigen Zug im Dunkel des Ruppiner Kanals zu verschwinden.
Andreas Möller, geboren 1974 in Rostock, war 1989 nicht nur Jugendmeister im Friedfischangeln. Er hat 2009 mit „Traumfang“ (Ullstein Verlag) auch seinen ersten Roman veröffentlicht, der die Wendezeit in Mecklenburg aus der Perspektive eines jungen Anglers erzählt.
Wissenswertes zum Anbeißen
Angeln hat viel mit Spontanität und Improvisieren zu tun. Einfach so losangeln ist aber nicht. Wer beim Schwarzangeln erwischt wird, muss tief in die Tasche greifen. Je nach Tatbestand der Vorsätzlichkeit kann das zwischen 90 und 180 Tagessätzen kosten, also mehr als 1.000 Euro. In besonders schweren Fällen sieht das Gesetz sogar Freiheitsstrafe vor. Auskünfte zur Fischereiabgabe und zu den Angelkarten, die zwischen 10 Euro (Tageskarte) und 22 Euro (Wochenkarte) kosten, erteilt der Brandenburger Landesanglerverband unter Telefon 0331-743 01 10. Weitere Informationen findet man im Internet unter www.lav-bdg.de. Der Landesanglerverband Berlin hilft ebenfalls weiter. Hier kann man zum Beispiel in einen Verein eintreten, wenn man nicht extra nach Brandenburg fahren will. Telefon 030-42717 28
www.landesanglerverband-berlin.de
Berliner bekommen alle wichtigen Informationen zum Angeln zudem im Internet auf der Seite der Senatsverwaltung unter www.berlin.de/sen/umwelt/fischerei/angelfischen oder der Telefonnummer 030-9025-0.
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